"Music is the brandy of the damned." (G.B.Shaw)

Musikpiraten wie du und ich

Ich kann mich noch an einen Workshop erinnern, der vor 7 oder 8 Jahren im mica stattgefunden hat. Thematisch ging es ums Internet und neue Geschäftsmodelle für Bands und Labels, illegale Downloads, DRM, etc… – irgendwas in dieser Art, genau kann ich mich nicht mehr entsinnen. Auf jeden Fall hatte auch Franz Medwenitsch, Geschäftsführer der IFPI Austria, einen Part, bei dem es – wie kann es anders gewesen sein – auch um illegales Filesharing ging. Irgendwann während seines Vortrags fragte er in die verblüffte Runde, wer denn schon mal Musik aus dem Netz gesaugt hat, ohne dafür zu bezahlen. Natürlich zeigten 90% der Anwesenden auf. An die Reaktion Medwenitsch’s kann ich mich nicht mehr genau erinnern, erfreut war er aber über die Offenheit seiner Zuhörer augenscheinlich nicht. Ja, dass hatte schon was, so von Angesicht zu Angesicht: Dort der Vertreter der bösen Musikindustrie, auf der anderen Seite die Musikpiraten, die für den Niedergang eines ganzen Industriezweiges verantwortlich gemacht wurden. War ein sonderbares, aber irgendwie gutes Gefühl, ein Pirat zu sein oder wie es die „andere Seite“ nannte, ein Raupkopierer. Dabei war es mir – und ich denke auch meinen Auditoriumskollegen – schon bewusst, dass wir da anscheinend etwas tun, was so Manche aus unterschiedliche Gründen nicht gut hiessen, dennoch habe ich keinen Gedanken daran verschwendet, „meine Bands“, damit meine ich diejenigen, deren absolut treuester Fan ich bin, bescheisse, betrüge oder ihnen gar etwas stehle. Immer wenn ich Soulseek (oder andere Filesharing-Clients) anwarf, tat ich das nur aus einem Grund: nach Musik zu suchen, von der ich irgendwo gelesen hatte oder von der ich irgendwo gehört hatte bzw. mir empfohlen wurde.

Nie im Leben hätte ich den Melvins ein Album, einen Song stehlen wollen. Jedesmal wenn „King Buzzo“ einen neuen Geniestreich getätig hatte und ich mich diesem Erguß hingeben wollte, nutzte ich diese Möglichkeit (natürlich war das auch so bei anderen Musiken). Danach ging ich zum Plattenladen meines Vertrauens und kaufte mir das Ding. Oder ich lud mir Musik von Künstlern auf meinen Rechner, deren Musik ich nicht kannte, ich aber hören wollte, sobald ich einen Artikel in einem Musikmagazin darüber fertig gelesen hatte – ja, die Neugier. Natürlich gab es auch desöfteren den Fall, wo mir etwas nicht gefiel, dann kaufte ich es natürlich auch offline nicht.

Ich nutzte Filesharing also immer als mein persönliches Discoverytool, um neue Musiken zu entdecken oder etwas Neues meiner alten Helden (ha!) gleich mal vorzuhören, sobald ein neuer Release veröffentlicht wurde, bei uns aber noch nicht erhätlich war. Etliche Konzerte unbekannter Acts hätte ich ohne Filesharing nie gesehen oder hätte meinen Freunden nie davon erzählen können bzw. es ihnen empfehlen können. Es ging mir nie ums Anhäufen von MP3s, geschweige denn war ich nie geil darauf, so viel Musik wie möglich zu besitzen, um dann die Krone für den „Filesharer-king“ aufgesetzt zu bekommen.

Im Gegenteil: die Suche im Netz war immer zielgerichtet, ich wusste, was ich wollte und ich war stets davon überzeugt, dass ich als Musikfan quasi dazu „verpflichtet“ bin, alles an guter Musik „aufzusaugen“, was gerade so umher schwirrt – „spread the word“, wie es immer schon so schön hiess. Heute ist es genau das Gleiche, nur brauche ich keine P2P-Netzwerke mehr, sondern ich nutze Last.fm, Soundcloud oder eine der dutzend anderen Plattformen, um neue Musik zu entdecken, zu kaufen oder weiterzuempfehlen.

Und die Musikindustrie? Sie sollte eigentlich jedem einzelnen Filesharer dankbar sein, denn sie zeigen den Big Four (oder bald nur mehr den Big Three) seit rund 10 Jahren (und das gratis!), wo ihre Probleme liegen (zB meine Beweggründe aktiver Raubkopierer zu werden) und liefern ihnen gleichzeitig mit ihren „Diebstählen“ etliche Lösungansätze (Musik schwebt in einer Wolke oder werde/müsse überall frei nutzbar wie Wasser sein postulierte der Prophet Gerd Leonhard 2006), um aus der Predouille zu kommen. Etwas andere Ansätze, wie zB Kampagnen „Ideen sind etwas wert“ oder die 2009 lancierte Offensive „Mehr drin. Mehr dran. Mehr drauf. Musik auf CD“ dürften ja nicht wirklich gefruchtet haben, zumindestens hätte ich keinerlei „Erfolgsgeschichten“ darüber gehört, also Zahlen, Daten, Fakten.

Vielleicht lag es ja daran, dass es dabei nicht darum ging, diese neuen Ansätze aufzugreifen, sondern lediglich Schadensbegrenzung betrieben wurde. Mich würde interessieren, an welche Zielgruppe diese CD-Kampagne adressiert war, denn wie will man einem 14-jährigen Menschen, der laut meiner Rechnung 1997 geboren wurde, 2008 oder so herum sein erstes Handy bekam und seit dieser Zeit wie ein Wilder streamt/downloadet – wie will man ihm/ihr erklären, dass ein im vorigen Jahrhundert erfundenes Medium, besser ist, als das, was er/sie jetzt so zahlreich vorfindet – wo er/sie doch Musik jederzeit und jederorts hören kann. Und der ästhetische Beiwert? – pfuh! Das hat mich in meiner Adoleszenz auch nicht interessiert, ich wollte die ärgste, aggresivste Mucke hören, die es damals gab. Was da auf der CD drauf oder drin stand, war mir herzlich egal. Hauptsächlich anders. Und über so eine Aktion, Menschen, die zu einer völlig anderen Zeit mit völlig anderen Formaten sozialisert wurden, an ein Medium binden zu wollen bzw. sie dahin zurück zu führen, ist irgendwie komisch.

Aber ja, worauf ich eigentlich mit dieser langen Faselei hinauß wollte, wäre Folgendes: es gibt wieder Mal eine Studie über P2P-Filesharing. Es ist ja immer wieder eine Krux mit solchen Studien, denn meistens werden solche Publikationen von Industrieunternehmen beauftragt, die eine gewisse Stoßrichtung mit Zahlen, Daten, Fakten untermauert haben wollen. Das Ergebnis ist oft tendenziös. So scheint es auch bei dieser Studie zu sein, da NBC Universal die Studie beauftragt hat. Wie aber Nate Anderson bei Epiccenter schreibt, ist folgendes Ergebnis interessant: von 10.000 Files, die über PublicPT (der größte Bittorent-Client) geshared werden, entfallen schlappe 2,9% auf Inhalte, die der Kategorie Musik zuzuschreiben sind. 35,8% fallen auf Pornos, gleich dahinter kommen Movies mit 35,2%. Insgesamt 85,5% der 10.000 Files, hatten Videos jeglicher Art (Filme, Serien, etc…) zum Inhalt. Interessant, wenn das so stimmt, denn das deckt sich ungefähr mit meinen persönlichen Erfahrungen, denn in meinem Freundeskreis kenne ich fast keine/n mehr, der Musik saugt, sondern es wird hauptsächlich filmisches Material downgeloadet. Anderson: „Pirates want movies more than music, and by a significant margin.“

[Artikel: Where Have All The Music Pirates Gone? | Wired/Epiccenter]



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